Städte aus Salz, Das Große Rathaus, Krk 1998.

…oder trockene Tränen und stille Stürme

Das Große Rathaus, Krk 4.07.1998. – 17.07.1998.

Dagmar Franolić’s Aquarelle sind dem Wesen ihres Sinnes treu. Farbtonlich entwickelt in ungezählten Variationen rufen sie alle ohne Ausnahme die Farbe des Wassers herbei.

Unser Eingetaucht sein in das Vorgezeigte ist kühn verspielt aber auch meditativ beruhigt. Wir gleiten durch eine Reihe geträumter Bilder. Die Welt, von der ich rede, ist durch die zarte Kraft einer feminin Handschrift geschaffen.

In der Obhut ihres zurückhaltenden kreativen Dranges arbeitend, findet Dagmar schon seit Jahren «Buchstaben» für ihre bildnerische Sprache in den Sehenswürdigkeiten der Insel, die leise mit dem Reichtum ihrer Erlebnisfähigkeit zusammenarbeiten.

Auch wenn sich diese Künstlerin nie in die Zivilisation-Ströme übereilter Anerkennung beeilte und auch nicht den Versuchungen promiskualitäter Mondänitäten gewaltiger Trends nachgab, ließ sie trotzdem eine Spur in der Erinnerung jedes Betrachters zurück, der in ihre Traumwelt hineinblickte.

Und dieser Traum arbeitet gut gelaunt mit der Wirklichkeit der Insel zusammen, die sich in den engen Gassen und im Rhythmus der offenen Fensterläden öffnet, in den Augen der kleinen Fische, denen sie den Status von Städten gibt, in der Geschichte, die als eine alte Schrift auf den Wänden schon eingefallener Burgen steht und in dem Verschwimmen von Himmel und Erde; in allem was ganz einfach und gemein ist, bis es im Labyrinth unserer Ergreifung bis zur Verliebtheit steigt.

Das Aquarell gleicht einem empfindsamen Menschen. Nach einem kleinen Fehler in der Technik des Wassers wehrt es sich ganz nach seiner transparenten Art gegen jeden Versuch des Ausbesserns. Wenn ein Aquarell fertig ist, verströmt es seine Aussage mit einer gewaltigen Heftigkeit. Die Kraft mit der diese Heftigkeit die ungeübte Hand verweist, ist regelrecht verwirrend. Gerade darin bestätigt sich das Können dieser Künstlerin …in der Leichtigkeit des Resultats. Das Aquarell hat Dagmar Franolić angenommen und das ist das stärkste Argument ihres Talentes. Der Betrachter dieser Bilder muss als bildnerischer Konsument fühlen, dass sich ihm hier ein wirklicher Genuss in verfeintem Angebot bietet. Ohne chromatische Aufregung und Didaskalien, ohne Experimente oder Überraschungen. Die Tür ist für jegliche grobe Geste verschlossen. Unruhigen Naturen kann es vorkommen, als fehle hier ein Kontrapunkt. Doch durch all dies ruhige grünliche Blau und das bleiche Weiß des Meeresschaumes strömt ein Gebet wie der Duft eines Wunsches, dass die Sachen (dennoch) unberührt bleiben. Die Kompositionen der Bilder reichen bis zu der Grenze des Papiers auf dem sie entstehen. Der Kader scheint sich über die sichtbaren Grenzen des Papiers weiter auszubreiten und folge dessen bietet sich eine epische Geschichte an, die aus Zeichenelementen des lyrischen Diskurses zusammengesetzt sind. Dagmar Franolić ist in jeder Interpretation feminin widersprüchlich und anpassungsfähig. Ihre Aquarelle sind geschmeidige Illustrationen für literarische Texte, weil sie innerhalb des Gesetzes der «wässrigen» bildnerischen Technik virtuos durch den Effekt der grafischen Note aufgebaut sind. Trotzdem hat jedes Bild neben dem Text auch seinen eigenen Ausgangspunkt. Es kommuniziert, aber es verschweigt auch das Geheimnis seiner Eigenbeständlichkeit. Obwohl sie mit dem Text zusammenarbeitet, gibt sie sich nicht völlig hin. Sie beansprucht das Recht der eigenen Existenz und verwehrt es bloße Illustration zu sein.

Gleich den fernen orientalischen Kulturen des Seidendruckes, berührt die universelle Aufzeichnung, gedacht als Kritzel, die Grenze des erkennbaren Motivs und des abstrakten Begriffes wie der Stempel der Seele. Jeden Moment könnten ihre Bilder, getragen vom Meereswind, wie der Schal der Veronika davonfliegen, aber sie könnten sich auch gleichzeitig fest wurzeln in der rauen Steinlandschaft, wie eine unbewegliche steinerne Stadt.

Obwohl zart und mütterlich bedingungslos in ihrer Vorliebe für die Landschaft aus der sie entstehen, sagen wir zum Schluss, dass Dagmar Franolić’s Bilder weder süß noch süßlich sind. Im Gegenteil …sie sind salzig.
Wie Tränen. Wie das Meer. Neutral.

Nataša Stipanov, 1998.