Hello Tree

Über einen Zeitraum von zwei Jahren begleitete ich zwölf verschiedene Bäume auf der Insel Krk, indem ich sie regelmässig fotografierte, skizzierte, malte und an sie dachte. Im Baum finde ich Geduld, Ausdauer, Einfallsreichtum, Schutz, Sorge, Wunsch nach Leben, Vielfalt und eine wundersame Weisheit. Mein Wunsch ist es den Betrachter durch eine Vielfalt an Bildern aus der Natur: Fotos der zwölf Bäume – und durch mein Betrachtungstagebuch und meine Gedanken – zur Meditation zu führen, die ich selbst während dem Malen erfahre. Im ersten Ausstellungsraum sollen kleine Fotos sein, die sich auf kleinen hölzernen Klötzen befinden. Im Zwischenraum befindet sich ein Buch mit Skizzen und Gedanken.

aus dem Tagebuch des Schauens – Dagmar Franolić, Krk, 2009.

 

Lass zu
dass dich nur eine Sache in Bann nimmt
verwerfe alles andere
und widme nur dieser einen Sache
all deine Aufmerksamkeit.
In ihr wirst du
die ganze Schönheit des Weltalls
und der ganzen Schöpfung finden.
Du wirst Harmonie
Und Friede
Und Freude
Und die Zeit
Sehen
Und dann findest du
Dich.

Dagmar Franolić, 25.04-2009. (Tag des Baumes)
 

Dagmar Franolić hat sich als Landschafts- und Straßenmalerin profiliert und es ist schwer zu sagen zu welchem Zeitpunkt der Baum zum eigenständigen Motiv in ihrer Malerei wurde. Wahrscheinlich war er, eingefuegt in ihre Landschaften, schon immer da; er hatte nur nicht die zentrale Bedeutung, die ihm jetzt gegeben wird. Seitdem die Künstlerin vor zwei Jahren mit dem Projekt «Hello Tree» begann, wurde der Baum nicht nur zum Hauptthema in ihrer Kunst, sondern auch das Grundkonzept für einen neuen Zyklus. Dieser Zyklus ist trotzdem eine logische Weiterführung ihres bisherigen Schaffens, das sich durch träumerische Poesie und lyrische Metaphysik auszeichnet. Ihre intimistische Malerei enthält Elemente der Wirklichkeit die jedoch autorenhaft interpretiert werden. Das Geschehen geht Hand in Hand mit dem Erlebten und den Gefühlen, das Assoziative mit dem Symbolischen. Auf diese Weise wird eine neue, ihre persönliche Wirklichkeit geschaffen. In diesem neuen Zyklus kann man Elemente ihres künstlerischen Ausdrucks wiederfinden und man trifft auch wieder auf ihre charakteristische Raum-Perspektive; nur bildet sie die Landschaft nun nicht mehr panoramahaft ab (auch wenn sie sie oft weiterhin aus dem oberen Rakurs sieht). Sie fokussiert nun das Detail, den Baum. Denn an ihm blieb ihr Blick zufällig eines Wintertages hängen. Und er verweilte dort sehr lange. Seit dem hat sich ihr Verhältnis zu diesem Motiv von Grund aus geändert. In ihren Tagebuchaufzeichnungen, die einen inhaltlichen Teil des Projektes «Hello tree» darstellen, beschreibt sie dies Erlebnis sehr poetisch:

Winter auf der Insel ist eine Sache für sich. Der Wind heult einem um die Ohren, manchmal regnet es tagelang und das Meer kriegt seine bleierne Farbe einfach nicht weg. Die Sommer-Sonnen-Tage, an denen man manchmal schon mehr als genug von der Hitze und den vielen Leuten hat, an denen man vor lauter Gewühl und Geschwätz manchmal nicht mehr weiß wo einem der Kopf steht, sind im Februar schon so sehr ausgebleicht, dass man sich gar nicht vorstellen kann, dass es je wieder wärmer wird. Ich mag den Winter, weil ich dann unheimlich viel Zeit habe. Zeit zum Malen. Zeit zum Lesen, Zeit zum Nachdenken. Zum Spazierengehen. Zeit für mich selbst. Beim Malen merkte ich, dass meine Bäume immer gleich aussahen. Daran sollte sich etwas ändern…

Trotzdem begann alles eigentlich eher zufällig an einen nebligen Wintertag.
Ich sah einen Baum, an dem ich normalerweise nur vorbeiging in seiner ganzen zarten Schönheit. Die Zweige, ohne Blätter waren geschmückt mit kleinen elfenbeinfarbenen Kugeln, die im Nebel noch besser aussahen. Ich wollte ihn unbedingt fotografieren und ging am Nachmittag nochmal mit dem Fotoapparat los, aber da war es schon zu spät.
Vom ganzen Zauber waren nur die abgesägten Äste übrig, die gerade eingesammelt und weggebracht wurden. Also blieb mir nicht viel mehr übrig als zu versuchen den Baum zu malen…

Die Autorin beschloss herauszufinden was auch mit anderen Bäumen in ihrer Umgebung, an denen wir oft unbewusst vorbeigehen und sie manchmal gar nicht bemerken, vor sich ging. Neben der Melia, die sie als erstes «bemerkte» und dem Zürgelbaum, der ebenfalls ein oft unbemerkter Baum des Stadtzentrums ist, suchte sie noch einige weitere aus. Zuerst die, die immer irgendwo in ihrem Blickfeld sind, während sie in ihrem Atelier malt, den Feigenbaum und die Pinie. Und dann noch einige Bäume aus der näheren Umgebung: den Nussbaum, den Olivenbaum, eine Gruppe von Tamarisken (die ihr damals im Winter erschienen, als wollten sie zu tanzen anfangen), die Pappel, die Zypressen, die alte Eiche, die Kastanie und die Esche. Zwei Jahre lang ging sie die Bäume regelmäßig besuchen und untersuchen und lernte sie kennen. Sie sah den Wechsel der Jahreszeiten, den Glanz der Farben und des Lichtes, Geburt und Sterben, Zeichen der Zeit und des Raumes, ihr Gespräch mit dem Wind und der Sonne, dem Regen, den Wolken und den Sternen…

Manchmal konnte sie alle auf einmal bei einem Spaziergang besuchen und manchmal suchte sie sich nur einen ganz bestimmten aus. Doch immer trafen sich Dagmar und ihre Bäume in einem regelmäßigen Abstand von etwa zwei Wochen und bald begann sie an ihnen Veränderungen und Unterschiede festzustellen, die sie vorher nicht bemerkt hatte. Sie begann genauer hinzusehen und lernte mit der Natur zu kommunizieren. Jeder Wechsel, jede Sensation, jedes ungewöhnliche Detail und jede Schönheit, die sie vorher nicht erkannt hatte, registrierte sie jetzt mit ihren Augen, mit ihrem Geist und mit dem Fotoapparat. So wurde der Baum Medium der Naturwahrnehmung, aller ihrer Energien und zyklischen Bewegungen, aller Wandlungen und jahreszeitlichen Erscheinungen, des Lebens und des Wachsens. Er wurde zum Symbol der menschlichen Integriertheit in die Natur und zum Zeichen seines harmonischen Miteinanderlebens mit der Natur.

Zu Hause in Dagmars Atelier wuchs langsam das Material für das Projekt: Tagebuchaufzeichnungen, Skizzen, Bilder, Collagen, Gedichte…und zum Schluss entstand eine interdisziplinäre, multimediale Geschichte vom Baum, die uns die Autorin in zwölf eigenen Geschichten von «ihren Bäumen» erzählt. Sie erzählt sie, indem sie in ihren künstlerischen Ausdruck alle ihre Gefühle, Gedanken und Träume, alle Poesie und Fantasmagorie und vor allem ihr Vorstellungsvermögen hineinlegt.

In den Räumlichkeiten der Galerie, als szenenhafte Installation ausgestellt, lässt sich ihre Geschichte in einer Reihe von kollagierten, poetische Aquarellen, die mit der Zeichnung verbunden sind, lesen, in einem Fotozyklus, in einer Gruppe kleiner, bemalter, hölzerner Objekte, in Musik und Gedichten, deren Autorin die Künstlerin selbst ist. Mit all dem sendet sie dichte Wellen an alle unsere Sinne aus und füllt uns so mit einer Vielzahl Audio-visueller-haptischer Erlebnisse. Und bei all dem fordert sie uns ständig zum Dialog und zur Kommunikation – der geistigen und geistlichen und der wahrnehmenden und greifbaren.

Višnja Slavica Gabout

 

DAS LIED DER TAMARISKEN


…denn der Wind ist es, der uns formt,
und so stehe ich gegen den Wind …
und bleibe trotz alledem
die,
die ich bin,…

Dagmar Franolić
 

( Hello Tree Ausstellungskatalog.pdf 223 KB )

Zurück zum: Portfolio – Dagmar Franolić